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Besonderes

Neue Chancen für das Keltenzentrum

 

 

Die Kelten sind die erste Kulturgruppe nördlich der Alpen und stehen damit am Anfang der (Schrift-) Geschichte Mitteleuropas. In Baden-Württemberg liegen einige der bedeutendsten Fundstätten. Deshalb will das Land nun die historische Bedeutung der Kelten für Baden-Württemberg an zahlreichen Fundstätten und Museen im Land sichtbar und erfahrbar machen. Dabei spielt auch der Heidengraben im Gemeindedreieck Erkenbrechtsweiler (Kreis Esslingen) und Grabenstetten und Hülben (Kreis Reutlingen) eine Rolle. 

Die keltischen Kulturen bildeten sich im 7. und 6. Jahrhundert vor Christus im Raum zwischen Burgund und Württemberg heraus und verbreiteten sich von hier aus über nahezu ganz Europa. Sie bestimmten die Geschichte Südwestdeutschlands bis ins erste Jahrhundert vor Christus. Ihre Spuren sind in Baden-Württemberg an vielen Stellen sichtbar, in den Museen des Landes genauso wie an zahlreichen Fundstätten. Die besondere historische Beziehung des heutigen Baden-Württemberg zu den Kelten soll im Land sichtbarer und für die Menschen emotional erfahrbar gemacht werden. Das ist Ziel einer landesweiten Konzeption, die derzeit entwickelt und ab 2020 greifen soll. Dann, so der Plan, werden die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg die Trägerschaft für die Heuneburg übernehmen. Die Heuneburg bei Herbertingen soll Dreh- und Angelpunkt aller Aktivitäten zur Keltengeschichte werden. Die bisher bekannten Keltenstätten sollen miteinander vernetzt und auch touristisch gemeinsam vermarktet werden. Da spielt auch der Heidengraben auf der Schwäbischen Alb eine Rolle. Das Oppidum Heidengraben hatte einen inneren und einen äußere Verteidigungsring, innerhalb des ersten lag die Siedlung Elsachstadt. Mit einer Gesamtfläche von 1662 Hektar gilt der Heidengraben nicht nur die größte bekannte keltische Befestigungsanlage Deutschlands, sondern auch eine der größten von ganz Europa. Allerdings wurde bis heute nur ein geringer Prozentsatz archäologisch untersucht. Die Gemeinden am Heidengraben sehen in der jetzt vom Land angegangenen Kelten-Konzeption ein Signal für das seit Jahren geplante Erlebniszentrum bei den Grabungsstätten am Burrenhof. Gut 1,6 Millionen Euro haben die drei Kommunen bereits in das Vorhaben investiert, halten aber weitergehende Investitionen aus eigener Kraft nicht mehr für machbar. Die Bürgermeister hoffen jetzt, dass das Land die Mittel bewilligt, um das Erlebniszentrum zu realisieren. Im Ministerium habe man bereits erkennen lassen, dass das Projekt am Heidengraben planerisch weiter vorangeschritten ist als der Ausbau der Heuneburg. Deshalb hoffen die Rathaus-Chefs nun auf eine zügige Realisierung ihres Vorhabens.

 

 

 

Die Streuobstwiese lebt

 

 

Großflächige Streuobstwiesen prägen die Landschaft des Voralbgebietes und die Hänge hinauf auf die Alb. Was heute als einzigartige Kulturlandschaft gepriesen und geschützt wird, hatte über viele Jahrzehnte nicht mehr die Beachtung gefunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Dörfer und Städte mehr Platz benötigten, Gewerbegebiete erschlossen und Straßen gebaut wurden, mussten vor allem die Baumwiesen weichen. Die Rodung ausgedehnte Streuobstflächen wurde zeitweise sogar prämiert. Dem einstigen Grüngürtel um die Ansiedlungen, der über Jahrhunderte Viehfutter und Obst lieferte und zugleich die Häuser vor Wind und Trockenheit schützte, drohte das Aus.

Dass es nicht soweit kam, ist wohl auch den Umwelt- und Naturschützern zu verdanken, sie sich schon früh für den Erhalt der Streuobstwiesen  stark machten und schließlich auch bei den politisch Handelnden Gehör fanden. Denn das „Wiesle“ ist auch ein ganz besonderer Lebensraum für  viele Tiere.

 Der Bund für Umwelt und Naturschutz hat eindrucksvoll zusammengestellt, wer sich das Jahr über auf der Streuobstwiese tummelt und wie wichtig die Bäume für die Lebewesen sind. Im Wurzelbereich leben nicht nur Mäuse und Igel, Regenwürmer oder Nacktschnecken, sondern auch Eidechsen und Blindschleichen. Der Stamm, oft mit Pilzen, Flechten, Moos oder Algen bewachsen, ist die Heimat von Käfern, Ameisen, Asseln und Holzwespen. Buntspecht, Gartenbaumläufer, Wendehals, Gartenrotschwanz und Steinkauz nisten in Baumhöhlen und größeren Astlöchern. Auch Siebenschläfer oder Fledermäuse finden hier ein Plätzchen.- In den Baumkronen brüten Singvögel wie Buchfink und Singdrossel. Turmfalke und Mäusebussard nutzen die Bäume als Ansitz bei der Jagd. Die Blätter der Bäume dienen Insekten und Larven als Nahrung. Von Pollen und Nektar der Blüten leben Bienen, Hummeln oder Schmetterlinge. Viele Früchte sind wichtiger Nahrungsbestandteil verschiedener Vogelarten und das Fallobst bereichert den Speiseplan von Igel, Dachs und Reh. Bis zu 320 verschiedene Tierarten können einen Obstbaum bevölkern.

Heute genießen die Streuobstwiesen einen hohen Stellenwert. Zahlreiche Initiativen rücken die Bedeutung der alles andere als pflegeleichten Flächen in den Fokus. Haben die Eigentümer einer Streuobstwiese früher kaum etwas das gepflückte oder aufgesammelte Obst bekommen, hat sich das inzwischen geändert. Viele Keltereien zahlen inzwischen einen deutlich höheren Preis und verwerten die Früchte auch anders als einst. Inzwischen gibt es zum Beispiel sortenreine Apfelsäfte. Und nicht nur das. Die Anfang des Jahrhunderts im Landkreis Göppingen von vier Keltereien gegründete  Qualitäts-Obstweininitiative gab sich mit Fruchtsäften, Destillaten und Most als bis dahin einzige Produkte von Früchten der Streuobstwiesen nicht zufrieden und ging sogar noch einen Schritt weiter. Die mit  Unterstützung der Lehr- und Versuchsanstalt Weinsberg entwickelten sortenreinen Obstweine aus Früchten der Streuobstwiese unterscheiden sich grundlegend von herkömmlichen Obstweinen. Zu den Besonderheiten des Qualitäts-Obstweins zählen eine schonend gekühlte Vergärung, individuelle, feine und intensive Aromen mit runden Geschmacksnuancen, keine Aufzuckerung zur Gärung, wodurch die Obstweine ein leichter Begleiter zum Essen sind,  sowie ein hoher Gerbstoffgehalt durch die Verwendung alter Obstsorten. Eine pfiffige Vermarktung dieser Produkte trägt dazu bei, dass die Obstweine heute in vielen Spitzenlokalen in Deutschland auf der Karte stehen.

Hoch im Kurs stehen inzwischen auch die vielen Obstfeste in der Region, die das Bewusstsein für die Streuobstwiesen schärfen sollen. Mit über 20 000 Besuchern zählt das alle zwei Jahre stattfindende Schlater Apfelfest (Landkreis Göppingen) zu den publikumsträchtigsten Veranstaltungen. In vielen Gemeinden gibt es zudem liebevoll angelegte  Streuobstlehrpfade, die vor allem über die alten Obstsorten informieren. Die Streuobstwiesen zwischen Alb, Neckar und Rems bilden eine der größten zusammenhängenden Streuobstlandschaft in Europa. Auf etwa  26 000 Hektar stehen rund 1,5 Millionen Obstbäume mit einer beinahe einzigartigen Sorten- und Artenvielfalt. Der 2012 gegründete Verein Schwäbisches Streuobstparadies, der über 240 Mitglieder zählt, will  diese besondere Landschaft erhalten und hat sich daher in den Bereich Marketing und Tourismus, sowie Bewirtschaftung, Naturschutz und Vermarktung Aufgaben gestellt. So will der Verein die Bewusstseinsbildung zur Streuobstwiese fördern, touristische Leitprodukte entwickeln, bestehende Angebote bündeln, einen Mehrwert für Streuobstwiesenbewirtschafter schaffen, Fortbildungsangebote für Profis und Laien unterbreiten oder Streuobstprodukte weiterentwickeln oder vermarkten. Mit zwei zugkräftigen Veranstaltungsreihen tritt der Verein an die Öffentlichkeit: Zum einen mit dem „Schwäbischen Hanami“ zur Obstbaumblüte im Frühjahr und mit der Reihe „Das Paradies brennt“ im Herbst.

Info: www.streuobstparadies.de
1-2016

 

 

Viel Leben hinter dicken Mauern

 

 

 

Text: Andrea Maier

Wo sich die Schwäbische Alb nach Süden gen Donau neigt, sind einige Klöster zu bestaunen. Weithin bekannt ist die 1077 als Augustiner Chorherrenstift gegründete, seit 1863 als Benediktinerkloster belebte Erzabtei St. Martin. „Herzlich willkommen.“ Pater Pirmin Meyer öffnet die Pforte zum Kloster Beuron. Aufmerksam hört er die Fragen, lässt sich Zeit nachzudenken, bevor er seine Worte zu einer Antwort fügt, die klug und nicht selten als Gegenfrage zum Nachdenken anregt.

In klösterlicher Gemeinschaft, nach den Regeln des Hl. Benedikt, leben derzeit 40 Mönche unterschiedlichen Alters, verschiedener Herkunft unter der Leitung des Erzabtes Tutilo Burger. Das Kloster scheint hinter den dicken Mauern eine eigene Welt zu sein, und doch sind die Mönche nicht isoliert. Nach den Stundengebeten und dem Feiern der Eucharistie gehört die Aufnahme von Gästen zu den wichtigsten Aufgaben der Beuroner Benediktiner. Darüber hinaus sind sie als Handwerker, Theologen, Seelsorger und Exerzitienleiter tätig. Pater Pirmin ist neben anderem in der Organisation der Wallfahrten aktiv.

Wallfahrtsorte haben eine ganz eigene Atmosphäre. Sie üben eine starke Anziehungskraft auf die meisten Menschen aus. In Beuron ist das vielfältig zu erleben. Da ist das berühmte Gnadenbild der 'Schmerzhaften Mutter von Beuron'. „Dieses Bildnis Marias, die ihren toten Sohn im Arm hält und trauert, ist ein starker Bezugspunkt für viele. Die Menschen spüren, dass hier Trauer und Leid Raum haben, dass das sein darf, was im Alltag oft keinen Platz hat. Sie bringen ihre Anliegen, ihre Bitten, ihre Trauer, aber auch ihren Dank, weil sie wissen, dass wir Mönche ihnen in unseren Gebeten Stimme geben.“ erläutert Pater Pirmin. „Sich auf diese Weise mitgetragen zu fühlen, tut gut, es kann ungemein entlasten.“

Viele kommen, Frauen, Männer, Junge und Alte, Christen und Angehörige anderer Religionen, alle sind willkommen. Sie schauen, staunen, halten inne, gehen oder bleiben, zum Gottesdienst, zu einer Klosterführung, zu Seminaren und Vorträgen oder als Wanderer, die Herberge suchen. Neben jenen, die das ganze Jahr über kommen, gibt es bestimmte Wallfahrtstage, an denen oft auch große Gruppen anreisen, so beispielsweise die Kommunionkinderwallfahrt im Frühjahr: 300-400 Kinder bringen für einen Tag ihre Lebendigkeit, ihre Unbeschwertheit und ihre Lebensfreude in den sonst so ruhigen Klosterort. „Es ist ein Tag, der die Möglichkeit bietet im Umfeld von Kirche positive Erfahrungen zu sammeln. Dem Image entgegenzuwirken Kirche ist alt, verknöchert und verstaubt.“ Zum Annatag am 26. Juli, dazu fährt ein ganzer Sonderzug an, die Lichterprozession am Abend vor Mariä Himmelfahrt. Bei gutem Wetter wird die Marienfeier bei der Lourdesgrotte im Liebfrauental, einer Waldschlucht nahe des Klosters, abgehalten, dort finden auch Kreuzweg- u. Rosenkranzprozessionen statt. Allein der halbstündige Fußweg dorthin beruhigt und stärkt, doch vor allem ist die prächtige Abteikirche St Martin mit der Gnadenkapelle ein wundervoller Raum für Stille, Andacht und Gebet.

Pater Pirmin geht zur kleinen Holzkapelle vor der Lourdesgrotte, zeigt auf die Rosenkränze, handgeschriebenen Briefe und Bildchen, die Menschen als Bitt- oder Dankesgaben gebracht haben. „Sicher ist, dass die Wallfahrt sich weiter verändern wird. Sie wird den veränderten Lebens- und Glaubensbedingungen, den gegenwärtigen  Bedürfnissen der Menschen Rechnung tragen müssen.“ 

Info. Die Benediktiner sind ein Orden innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Sie tragen hinter ihrem Ordensnamen die Abkürzung OSB (lat. = Ordo Sancti Benedicti, aus dem Orden des Hl. Benedikt). Das Kloster Beuron besteht seit über 950 Jahren, der Benediktinerorden wurde bereits vor 1500 Jahren gegründet. Ein Wallfahrtskalender ist  unter www.erzabtei-beuron.de zu finden.

 

 

„Die Kirche lebt“

 

 

Im Oberen Filstal, bei Deggingen im Landkreis Göppingen, schmiegen sich die Wallfahrtskirche Ave Maria und das Kloster an den steilen Albtrauf. 1929 wurde der geschichtsträchtige Wallfahrtsort an den Kapuzinerorden übergeben, 1932 das 'Klösterle' gebaut. In dem kleinen Konvent lebten in den vergangenen neun Jahrzehnten  bis zu acht Mönche, die Seelsorge auch über's 'Täle' hinaus leisteten. 2010 übernahm Pater Felix die Leitung. Gemeinsam mit seinen Mitbrüdern Alban Schmitt, Flavian Ascher und Pirmin Zimmermann verabschiedete er sich Ende Oktober 2018 von der Gemeinde und von all den ungezählten Menschen, die zu Wallfahrten, Gottesdiensten oder „einfach so“ nach 'Ave' kamen. Mit Fahrrädern, in Bussen, zu Fuß, auf dem Motorrad, die Stille oder ein Gespräch, Rat und Ermunterung gesucht und immer wieder gefunden haben. Für Pater Felix und seine Mitbrüder gilt es „die  Menschen, so wie sie sind, anzunehmen und an einem behüteten Ort mit ihnen zu sein“. 

Die Kapuzinermönche geben das kleine Kloster auf, weil es keinen Nachwuchs gibt. „Wir sind alt“, sagt Felix Kraus, der mit seinen 73 Jahren zu den Jüngeren zählt. Als er selbst 1966 ins Noviziat eintrat, fiel es ihm leicht, sich in die streng geregelte Ordensgemeinschaft einzufügen. Er wuchs ohne Vater, mit vielen Geschwistern in einer kleinen Landwirtschaft auf. „Wohlstand verändert die Menschen“, sagt er und versteht durchaus, dass die Jungen sich fragen, warum sie sich einschränken sollten.

„Es ist eine andere Welt“, sinniert er, „Kinder und Jugendliche, auch viele Erwachsenen  haben kaum noch religiösen Hintergrund.“ Inständig hofft er, „dass weder Krieg noch Not sein müssen, damit sich die Menschen wieder auf ihre Verbindung mit Gott besinnen.“ Er weiß nur zu gut, wie orientierungs- und haltlos sich viele Menschen fühlen, wie sie daran leiden keine Zugehörigkeit zu empfinden.

Dann schaut er ins Tal, lacht herzlich auf und ruft: „Diese Kirche lebt!“ Immer wieder kommen Menschen den Kreuzweg empor, nicht selten besuchen Muslime und Gläubige anderer Religionen diesen so besonderen Ort, bestaunen die Kirche, spazieren an den Quellen entlang zur Ursprungskapelle 'Alt-Ave'. Kinder spielen im Hof, Wanderer rasten, Frauen bringen Kuchen und holen Kräuterbüschel. Die Leute hier sagen „unsere Ave“. In Pater Felix' Augen leuchtet tiefe Freude, „diese Kirche ist und bleibt lebendig, denn sie gehört den Menschen.“